Ich hatte Corona

Ja, ich hatte eine bestätigte Corona-Infektion als Krönung dieses bescheidenen Jahres. Es ist unklar, wo ich mich angesteckt hatte und nein, ich hatte mich tatsächlich an die Regeln gehalten. Trotzdem kann man sich anstecken und deswegen ist diese Krankheit und die Pandemie insgesamt ja so tückisch. Einige Kommentare von Freund*innen dazu (“Was machst Du nur für Sachen”) fand ich etwas befremdlich - als ob die Erkrankung meine eigene Schuld gewesen wäre. Das fördert Stigmatisierung und kann dazu führen, dass Menschen aus Angst ihre Infektion verheimlichen.

Natürlich gibt es die notorischen Leugner*innen, die mit höherer Wahrscheinlichkeit erkranken - doch die große Zahl der Menschen erkrankt unbewusst und unverschuldet! Mein Verlauf war zum Glück relativ mild und dennoch war das kurze Fieber heftig, der begrenzte Geruchs- und Geschmacksverlust belastend und ich bin heute nach 4 Wochen immernoch nicht wieder topfit. Aber jetzt ist dieses verdammte Jahr 2020 endlich Geschichte und ich wünsche uns allen so sehnlichst wie nie ein besseres neues Jahr!

2021 wird stürmisch bleiben und doch hoffe ich persönlich, zumindest mein Buch fertigstellen zu können. Im Dezember war eigentlich die Kontaktaufnahme mit Verlagen und Agenturen mittels Exposé geplant, krankheitsbedingt ist das nun meine Januaraufgabe. Wie immer hier nun eine kleine Leseprobe, die den Kern meines Werkes klar wie nie in den Mittelpunkt stellt - den Zerfall der Alten Ordnung, den Zerfall als Zeitgefühl unserer Millennial-Generation:

Mauerfall, 11. September, Brexit und Trump - unter dem Druck der digitalen Globalisierung zerfällt die Alte Ordnung in rasendem Tempo und die Corona-Pandemie beschleunigt diesen Zerfall auf dramatische Weise. Failing States und Bürgerkriege, Korruption und Naturkatastrophen, jeden Tag gerät unsere Welt mehr aus den Fugen.

Wir stecken fest in einer Postmodernen Krise der Vereinzelung - das Individuum ist alles, die Gesellschaft nichts! Seit Jahrzehnten schleift das neuliberale Glaubensbekenntnis jede kollektive Befestigung und lässt Milliarden Menschen weltweit in Existenznot zurück. Trotz der explosiven Globalen Frage nach Sicherheit und Gemeinschaft zerschmettert der Marktfundamentalismus weiter ungerührt die letzten Institutionen der Alten Ordnung.

Aus ihren Trümmern kriechen überall die Geister der Vergangenheit, sie locken mit falschen Versprechen und verkaufen ihre Nostalgie teuer an die Meistleidenden. Ihre rechten Volksmärchen beschwören die gute alte Zeit der Nationen und Grenzen - eine Zeit, die längst abgelaufen ist. Eine Epoche, deren Untergang wir alle tagtäglich spüren.

Nun geht mit Angela Merkel auch noch die Lotsin von Bord, ohne unsere Millennial-Kanzlerin droht meiner verunsicherten Generation nur noch mehr Chaos. Als Letzte noch in eine halbwegs intakte Ordnung geboren, sind wir seit unserer Jugend im freien Zerfall. Wir sehnen uns nach Halt und Überschaubarkeit, nach Zuflucht ins Bio-Biedermeier und blicken melancholisch auf die verlassenen Orte und Ruinen des Vergangenen. Die ewige Kanzlerin war unsere letzte Gewissheit, das Bollwerk gegen die Welt von Gestern. Alle ahnen: Auch bei uns in Deutschland ist der Weg für den Rechtsruck jetzt frei.

Da betritt auf einmal eine neue Generation, eine neue Hoffnung die politische Weltbühne. Die Globals sind die Ersten, die im Chaos aufwuchsen und keine Ordnung mehr kennen. Gezeichnet von Trumpismus und Pandemie, in ihrer Zukunft existenziell bedroht, organisieren sie sich in solidarischen Strukturen und übernehmen kollektive Verantwortung - für sich und den ganzen Globus.

Von Chile bis Hongkong, vom Sudan bis nach Schweden erhebt sich die jüngste Bewegung, die die Welt je gesehen hat. Zum Überleben müssen sie nun erstmals globale Antworten finden - Klimagerechtigkeit und Antirassismus, globale Demokratie und politische Freiheit. Als ‘Fridays For Future’ und ‘Black Lives Matter’, als ‘March For Our Lives’ und diverse Demokratiebewegungen kämpfen sie so leidenschaftlich wie es sich kaum eine*r von uns Millennials getraut hatte. Vereint hinter der Wissenschaft sind die Globals die Glut der nächsten Aufklärung, das Feuer der Transformation. Sie haben nichts zu verlieren, nur die Zukunft zu gewinnen.

Ein Grenzjahrzehnt hat begonnen. Das Alte ist noch nicht gänzlich untergegangen und das Neue steckt buchstäblich noch in den Kinderschuhen - diese Dekade wird entscheidend für das Überleben der menschlichen Zivilisation. Unter den pandemischen Schockwellen werden Vergangenheit und Zukunft brutal aufeinanderprallen: fundamentale Konflikte, fortgesetzter Zerfall und beschleunigtes Chaos. Und mittendrin wir Millennials, die wir doch eigentlich nur unsere Ruhe haben wollen. 

Die 20er Jahre werden unsere größte Zumutung. Erst die nie dagewesenen Corona-Einschränkungen und schließlich die allesentscheidende Klimakrise - wir sollten uns daran gewöhnen, unser Ego, unser privates Glück auch in Zukunft für das Gemeinwohl zurückzustellen. Wenn die postmoderne Vereinzelung nicht endet, dann endet jede*r Einzelne von uns. Wir müssen unsere Komfortzone dauerhaft verlassen, Partei ergreifen, uns auf eine Seite stellen, ja festlegen - genau das, was wir unser Leben lang tunlichst vermieden haben. Denn Ruhe und Sicherheit, Stabilität und Ordnung sind nur noch im Kollektiv, in Gesellschaft, in Zukunft zu finden.

Krisis heißt Entscheidung, die Uhr tickt! Für uns Millennials ist die Zeit gekommen zu entscheiden - zwischen national und global, zwischen Nostalgie und Hoffnung, zwischen der Welt von Gestern und der Welt von Morgen. Die Globals sind unsere zweite Chance.